Egle Otto





DE

In Egle Ottos Malerei ist der Körper keine feststehende Form. Er entsteht im Malprozess. Körperfragmente, Konturen und Farbflächen verbinden sich, lösen sich voneinander und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Aus ihnen bilden sich Figuren, die veränderlich bleiben. Der Körper ist damit nicht Ausgangspunkt der Malerei, sondern eines ihrer möglichen Ergebnisse.

Otto arbeitet in Öl direkt auf der Leinwand, ohne Vorzeichnung. Ihre Bilder entwickeln sich in einem fortlaufenden Prozess des Schichtens, Verschiebens und Öffnens der gemalten Oberfläche. Frühere Bildzustände werden dabei nie vollständig ausgelöscht. Sie bleiben materiell gegenwärtig und tragen Spuren früherer Entscheidungen in neue Formen und Bedeutungen hinein. Ein Bild zeigt damit mehr als seinen gegenwärtigen Zustand. Es bewahrt die Zeit seiner eigenen Entstehung.

Diese Bildlogik bezeichnet Otto als Allover-Figuration. Der Begriff überträgt das Allover-Prinzip der abstrakten Malerei auf die Figuration: Die Figur kann sich aus jedem Bereich des malerischen Feldes heraus bilden, ohne an ein festes Zentrum gebunden zu sein. Figur und Grund bleiben dabei beweglich; eine Farbfläche kann zum Körper werden, eine körperliche Form wieder zu Farbe.

Diese Offenheit bestimmt auch Ottos Umgang mit dem kulturellen Gedächtnis. Titel wie Venus, Pandora, Lilith, Loreley, Medea oder Mother rufen Figuren auf, an die sich über Jahrhunderte Vorstellungen von Weiblichkeit, Begehren, Mutterschaft, Verführung und Macht geheftet haben. Otto behandelt sie nicht als Figuren, deren Geschichten es zu illustrieren gilt. Ihre Überlieferungen gehen vielmehr in die Malerei ein und können dort befragt, verschoben und verändert werden.
        

ENG

In Egle Otto’s painting, the body is not a fixed form. It emerges through the process of painting. Fragments of bodies, contours, and fields of color come together, separate, and reappear elsewhere. From them, figures emerge that remain in a state of flux. The body is thus not the starting point of the painting, but one of its possible outcomes.

Otto works in oil directly on canvas, without preliminary drawings. Her paintings develop through an ongoing process of layering, shifting, and opening up the painted surface. Earlier states of the image are never completely erased. They remain materially present, carrying traces of previous decisions into new forms and meanings. A painting therefore reveals more than its current state: it preserves the time of its own making.

Otto describes this pictorial logic as “all-over figuration.” The term transfers the all-over principle of abstract painting into the realm of figuration: the figure can emerge from any part of the pictorial field without being tied to a fixed center. Figure and ground remain fluid; a field of color can become a body, while a bodily form can dissolve back into color.

This openness also shapes Otto’s engagement with cultural memory. Titles such as Venus, Pandora, Lilith, Loreley, Medea, and Mother evoke figures that, over centuries, have accumulated ideas of femininity, desire, motherhood, seduction, and power. Otto does not approach them as characters whose stories are to be illustrated. Instead, their cultural narratives enter the painting, where they can be questioned, shifted, and transformed.



 



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